Interview mit der Münchner Künstlerin Judith Egger, gerade auf holobiontischer Mission.
Holo-was? Der Begriff Holobiont stammt aus der naturwissenschaftlichen Forschung und wurde in den 1990er Jahren durch die Biologin Lynn Margulis bekannt. Sie beschrieb damit das komplexe Zusammenwirken verschiedener Organismen und Kleinstlebewesen in und mit einem größeren Organismus. Mit dem Konzept der Holobionten rücken Symbiose und das fortwährende Aushandeln innerhalb unaufhörlicher transformativer Prozesse und Dialoge in den Vordergrund. Völlige Autonomie und Unabhängigkeit gibt es eigentlich nicht. Zu leben und zu sein heißt: verbunden sein. Menschen und andere Bioformen sind bevölkert von Bakterien, Viren, Pilzen, Mikroorganismen, deren Zusammenspiel für die existenziellen Stoffwechselprozesse sorgt und uns kollektiv am Leben hält.
Ich treffe Judith Egger in ihrem Haus in Gräfelfing bei München, wo sie den „Großen ungeordneten Aufmarsch der Holobionten“ vorbereitet. Seit Monaten arbeitet sie an den äußeren Erscheinungsformen der Holobionten, die am Samstag, den 25. Juli 2026 durch die Münchner Innenstadt ziehen und für die Gleichberechtigung aller menschlichen und nicht-menschlichen Lebewesen demonstrieren werden. Im Atelier liegen fertige und halbfertige Kostüme, Arbeitsmaterial, Stoffe, Holobionten-Zubehör, im Garten schützt ein temporäres Gewächshaus aus grün gemusterter Plastikplane das Produktionslabor vor Sonne, Wind und Regen.
Judith ist Gründerin der wachsenden Graswurzelbewegung UHPA (United Holobiontic Protection Alliance) und erzählt im Interview von den Hintergründen der Aktion. Ihr ansteckendes Lachen durchzieht und untermalt das Gespräch, im Text lässt sich das leider nur andeutungsweise wiedergeben.
Judith, was interessiert dich als Künstlerin am Begriff der Holobionten und wie bist du darauf gekommen?
Die Initialzündung war die Einladung von Monika Kapfer und Tommy Schmidt zur Teilnahme an einer Ausstellung auf dem Bauernhof von Moni bzw. ihren Eltern, den ihr Bruder bewirtschaftet, der Martin. Alle Künstler:innen sollten sich einen Platz suchen vor Ort am Bauernhof und mit diesem Platz arbeiten. Am besten mit Materialien von dort. Ich habe mir die Seitenwand vom Heustadl ausgesucht, ein Riesending, oben große Tenne, unten Platz für Traktoren. An der Seite befinden sich vier Verstärkungssäulen, ungefähr 3 Meter hoch vor dieser riesigen Wand. Cool, dachte ich, auf den Säulen könnten doch Figuren stehen. Ich habe einen Sack Heu mitgenommen und angefangen, Figuren zu bauen. Mit Rohren aus dem Baumarkt wollte ich sie von innen stabilisieren. Im Baumarkt habe ich die Rohre dann schon mal aufgestellt und dachte, ah, das ist ja wie eine Truppe, und vielleicht bin ich eine von den Figuren, die auf diesen Säulen stehen. Das war der Anfang davon, dass so eine kämpferische Gruppe entstanden ist. Beim Bauen der Figuren wurden sie immer mehr zu Naturwesen, und dann kam die Idee, dass es Wesen sind, die die Erde beschützen. Und ich selbst bin eben auch eine dieser Figuren. [lacht]
Oder anders rum, die Idee hat eigentlich so angefangen, dass ich dachte, wie wäre es, wenn eine dieses Figuren sich aus dem Figursein löst und anfängt, sich zu bewegen. Wie eine Statue, die auf einmal lebendig wird. Eigentlich kommt die Inspiration von Don Giovanni, von der Oper. Die habe ich als Kind gesehen. Don Giovanni verführt ja ständig Frauen oder vergewaltigt sie, würde ich sagen, wenn man sich das genauer anguckt, dann ermordet er den Vater von einer dieser Frauen, das ist der Komtur. Der taucht am Ende der Oper als steingewordene Statue auf, klopft an die Tür und schickt Don Giovanni in die Hölle. Das hat mich als Kind beeindruckt. Man sieht ja viele solche Statuen in den Städten… und dass eine dann vom Sockel runterkommt, noch mal eingreift und Rache nimmt.
Bei der Suche nach einer Bezeichnung bin ich auf die Holobionten gestoßen. Der Holobionten-Begriff ist einfach ein wahnsinnig toller Begriff. Es sind eben nicht nur Wesen, die die Erde beschützen, sondern sie symbolisieren auch das Netz des Lebens.
Von meinem 50sten Geburtstag war noch ein Kostüm übrig, ich hatte mich als Küchenschabe verkleidet; [lacht] das ist anscheinend irgendein Alter Ego von mir. Als Schabe habe ich für die Holobionten das erste Manifest verlautbaren lassen und mich zu ihrer Sprecherin gemacht. Von der Säule vor dem Heustadl runter mit Megafon. In einer nicht-menschlichen Sprache, damit es nicht nur auf die Menschen fokussiert ist. Es geht auch um alle anderen Lebewesen.

Geburtsstunde der Holobionten im Baumarkt
Sind die Holobionten für dich eine Mischung aus Pflanze und Tier? Oder willst du das nicht genauer definieren?
Ich will es eigentlich gar nicht so genau definieren. Es beinhaltet alles was lebt und lebendig ist, auch Pflanzen, da überall Bakterien und Kleinstlebewesen drauf sitzen und mitmischen. Es ist sehr, sehr offen und nicht hierarchisch – das finde ich total wichtig und das gefällt mir daran.
Kannst du das Holobionten-Konzept noch einmal kurz beschreiben?
Das wurde von der Mikrobiologin Lynn Margulis formuliert. Sie hat in den 60er Jahren angefangen zu forschen an der Idee einer Evolution, die sich mehr auf Symbiose stützt als darauf, dass der Stärkste und Fitteste überlebt nach Darwin. Im Grunde hatte Darwin das selbst nicht so gemeint, es ging ihm um das Überleben des Anpassungsfähigsten. Leider wird dies immer noch oft missverstanden oder sogar missbraucht wie im Sozialdarwinismus.
Für Lynn Margulis ist das nur ein Teil der Geschichte. Der andere Teil sind Kooperation und ständig stattfindende Symbiosen. Das Eine isst das Andere auf und hat die Information von diesem Kleinstlebewesen in sich und entwickelt sich weiter, oder die verbinden sich auf irgendeine Weise, und dadurch entstehen wieder neue Arten.
Holobiont ist der Begriff für eine Art Metaorganismus, ein Lebewesen, in dem oder auf dem andere kleinere Lebewesen existieren, aber auch in Symbiose mit dem Metaorganismus. Die brauchen sich gegenseitig. Auch der Mensch ist ein Beispiel dafür. Wir sind Holobionten. Das finde ich das Schöne an der Idee, dass wir uns nicht ausschließen. Die Holobionten kämpfen auch für uns Menschen! Es ist ein Wir. Der holobiontische Gedanke macht keine Gegnerschaft auf und bezieht alles mit ein. Alles hängt zusammen.
Nehmen wir zum Beispiel das Mikrobiom in unserem Darm, das benötigen wir, damit wir gut leben können. Mittlerweile weiß man, was im Darm passiert, beeinflusst viele andere Prozesse im Körper und unsere Gefühle. Da gibt es eine Wechselwirkung. Im Mund sitzen ebenfalls unzählige Kleinstlebewesen.
Ich finde den Gedanken gut, dass wir mit der holobiontischen Sichtweise Abschied nehmen von der Idee, ein abgegrenztes Individuum zu sein und verstehen, dass wir, dass ich, Judith, ganz viele bin und eigentlich von mir in der Vielzahl sprechen müsste [lacht]. Also nicht: Ich das Individuum, der Rest der Welt ist außen. Nein. Ich bin ein Riesenparlament von allem Möglichen! Ich stehe in ständiger Verbindung, in ständiger Wechselwirkung, wenn ich atme oder wenn ich esse oder… immer!
Das ist auf der einen Seite natürlich beängstigend, man besitzt nicht die Kontrolle über alles. Gleichzeitig ist es ein schöner Gedanke.
„Ich bin ein Riesenparlament
von allem Möglichen!“
Du hast dich bereits in früheren Arbeiten mit natürlichen und organischen Vorgängen beschäftigt, mit dem Werden und Vergehen, mit Übergangs- und Zerfallsprozessen. Bei den Holobionten kommt nun etwas Kämpferisches dazu …
Das stimmt, das ist neu. Das Kämpferische, würde ich sagen, ist eine Folge von einem großen Schmerz. Wenn ich sehe, wie die Welt, wie wir, Spezies Mensch, Homo sapiens, mit der Welt umgehen, dann bringt mich das wirklich zur Verzweiflung. Auf vielen Ebenen. Der Aspekt mit dem Klima und überhaupt der Umgang mit unseren Mitlebewesen und der Erde. Aber auch im Tagespolitischen, wir in Deutschland, die Kulturpolitik und viele andere politische Prozesse, die seit ein paar Jahren in eine Richtung gehen, die mich extrem beunruhigt.
Anfang der 2000er gab es eine Hoffnung, dass wir als Gesellschaft zunehmend versuchen, vernünftige enkeltaugliche Entscheidungen zu treffen. Im Moment wird die Uhr zurück gedreht. Es ist unglaublich, was gerade passiert! Ich komme damit überhaupt nicht klar und bin auch wütend.
Ich habe überlegt, zu „Omas gegen Rechts“ zu gehen und mir ähnliche Sachen angeschaut, dann aber gesehen, dass diese Form von Protest für mich nicht funktioniert. Ich will nicht GEGEN etwas sein, sondern möchte mich auf ein gemeinsames positives Ziel ausrichten, und sei es noch so utopisch. Das ist das Privileg der Kunst! Ich brauche Humor, Anarchie und auch Gemeinschaft.
Ich glaube, es sind sehr, sehr viele, die genauso empfinden wie ich. Wir dürfen uns nicht vereinzeln lassen, sondern können uns verbinden und damit etwas bewegen. Das Gefühl von Einsamkeit ist ein wichtiger Faktor, der Menschen in die Arme von rechten Parteien und Gruppierungen treibt. Da können wir ansetzen.
Ich bin halt Künstlerin und nicht Politikerin und nicht, was weiß ich, Aktivistin, sondern ich bin Künstlerin. Das mit den Holobionten ist eine Form von künstlerischem Aktivismus. Und daher kommt das Kämpferische.
„Ich brauche Humor, Anarchie
und auch Gemeinschaft.“
Du bereitest gerade einen Umzug der Holobionten vor. Die gehen auf die Straße und protestieren?
Demonstrieren… [lacht]
Demonstrieren, genau…
In einem großen ungeordneter Aufmarsch.
Es geht dir darum, ihnen Sichtbarkeit zu verleihen?
Genau. Zum einen sind es die einzelnen Holobionten, die künstlerische wandelnde Skulpturen sind. Zum anderen geht es um uns als Gemeinschaft. Ich habe über mehrere Wochen interessierte Menschen hierher zu mir eingeladen, um Kostüme auszuprobieren und sich miteinander zu vernetzen – also wir als Gruppe sind die „United Holobiontic Protection Alliance“ (UHPA). Eine Art von Organisation, die sich mit dem Schutz des Lebens beschäftigt, oder sagen wir so, der Gleichberechtigung von Menschen und anderen Lebewesen, das ist der Kern, dafür demonstrieren wir… und was war noch mal die Frage?…
Ja, sichtbar werden. Wir wollen auch weitere Mitglieder gewinnen. Menschen auf der Straße. Sie aufmerksam machen auf das Thema, aber nicht mit großen Bannern, wo drauf steht, KLIMA! Wir müssen jetzt alle dies und das machen. DER UNTERGANG NAHT! Sondern ich möchte auf eine Weise Aufmerksamkeit generieren, die Spaß macht. Uns selbst und den Leuten, die zuschauen.
Bei meinen Arbeiten versuche ich ja oft, etwas mit reinzupacken, auch ernste Inhalte, die vielleicht erst später ihre Widerhaken [lacht] reinschlagen in die Leute, die es gesehen haben.

Wenn jemand zufällig am Samstagvormittag in der Maximilianstraße unterwegs ist und dieser eigentümliche Zug kommt vorbei, wirst du das den Passant:innen erklären oder geht es darum, dass man sich irritieren und überraschen lässt?
Die Idee, die Strategie ist, dass wir, die Holobionten, eine nicht-menschliche Sprache sprechen. Die Schabe redet in Schabensprache. Aber wir haben mehrere Vermittlerinnen, die am Rand vom Zug unterwegs sind mit Flugblättern und Informationen. Die Vermittlerinnen sprechen auch mit den Leuten. Das ist wichtig, sonst wäre es zu hermetisch. Gleichzeitig möchte ich, dass die Kunst autonom bleibt und nicht versucht, sich zu erklären. Ich glaube, es braucht wie ein Scharnier.
Du bist gerade mit Hochdruck dabei, sämtliche Kostüme – oder Skulpturen? – auszudenken und fertigzustellen.
Ja, je nachdem, manche sind mehr Kostüme, manche mehr Skulpturen. Mein Ziel ist es, sie nicht-menschlich aussehen zu lassen, den Kopf möglichst weg und die Arme. Das lässt sich nicht bei allen verwirklichen. Einige werden Musik machen. Die Flötistin Sabine Vogel aus Berlin, zum Beispiel, muss natürlich an ihren Mund rankommen.
Ich habe auch zwei Taekwondo Schwarzgurte dabei und Romy, meine Tochter, die ist Blaugurt. Die werden zu dritt Kampfeinlagen zeigen und brauchen Kostüme, mit denen sie in der Lage sind zu kicken. Manche sagen auch, sie wollen kein schweres Kostüm, falls es heiß ist, das kann ich verstehen. Das ist schon eine Herausforderung.
Wie viele Teilnehmende wird der Zug haben?
Ungefähr 35 bis 50 haben zugesagt, es ist noch in Bewegung. Beate Zeller, von Anfang an mit im Team, macht super Pressearbeit. Auf den Kultursäulen in München hängen für einen Monat Plakate. Wir versuchen auf verschiedenen Kanälen Leute zu aktivieren. Ich hoffe auch, dass viele sich anschließen, auch ohne Kostüm, und einfach mitlaufen.
Suchst du noch Teilnehmer:innen?
Auf jeden Fall. So viele wie möglich. Ich kann nicht für jeden ein Kostüm bauen, das ist unmöglich, ich bin schon am Anschlag. Aber manche sagen, sie bauen ihr eigenes Kostüm aus ähnlichen Materialien.
Das wäre für dich in Ordnung?
Ja, das ist ok. Am Anfang habe ich gedacht, ich muss alles total kontrollieren… aber jetzt, …. Ich bin inzwischen dafür offen [lacht]. Vorne sollten die laufen, die den Ausdruck transportieren. Und je weiter hinten, desto mehr Chaos darf sein.
Du hast dieses Jahr in Würzburg auf dem Katholikentag Werbung für die Holobionten gemacht. Wie ging es dir dort?
Das war eine besondere Erfahrung. Ich war zum ersten Mal auf einem Katholikentag, da hat es mich noch nie unbedingt hin verschlagen [lacht]. Aber ich habe die Herausforderung angenommen, man kann ja überall anwerben.
Ich habe es Anwerbeperformance genannt und hatte verschiedene Taktiken. Zum einen hatte ich ein Hoverboard, mit dem ich auf dem Kiliansplatz herum gefahren bin, Flyer verteilend an die Nonnen und an alle möglichen Leute, die vorbei kamen. Dann stand ich auch auf meinem Podest und habe in Schabensprache „gepredigt“. Das fand ich eigentlich total cool. Ich bin ja eher kritisch der Idee der Mission gegenüber, also sehr kritisch, und dann dachte ich, es ist eigentlich ganz schön, dass ich auch mal missioniere [lacht], so für meine Sache. Warum nicht! Man kann ja auch mal eine andere Note reinbringen. Und ich fand es toll, dass Benita Meißner, Leiterin des DG Kunstraums in München, die das Kulturprogramm des Katholikentags mit kuratiert hat, mich zum Performanceprogramm „Hab Mut, steh auf!“ eingeladen hat mit meiner schrägen Sache. Ist doch super, dass es möglich war, auch für den Katholikentag so `ne verrückte Sache auszuhalten.
Welche Reaktionen gab es in Würzburg?
Die ganze Bandbreite! Von vollkommenem…, nicht Entsetzen, aber irgendwie konsterniert sein, über Lachen und Interesse; alles dabei. Die ganze Stadt war voll mit Menschen, eine sehr spezielle Atmosphäre, auch mit den Kirchenglocken. Auf jeden Fall lohnenswert. Ob ich wirklich jemanden angeworben habe, weiß ich nicht. Vielleicht dauert es noch, bis sie beitreten.
Noch mal zur Vertiefung, was sind die Anliegen der Holobionten?
Wenn die Schabe ihr Manifest rauslässt mit dem Megafon geht es zuerst darum, einen gemeinsamen Nenner zu finden mit dem Publikum, dann einzelne Personen miteinzubeziehen, dir geht es doch auch so usw., dann irgendwann steigert sich die Schabe total rein und schreit, wir müssen uns zusammentun! Das ist die kämpferische Energie. Emotional von der Überredung bis zur Agitation.
Das Anliegen der Holobionten: Gleichberechtigung der nicht-menschlichen und menschlichen Lebewesen, Rechte auch für nicht-menschliche Lebewesen und Lebensformen, und dass wir Menschen eine andere Perspektive auf den Rest unserer Mitlebewesen einnehmen, mehr auf Augenhöhe.
In gewisser Weise ist es eine Utopie. In den westlichen Kulturen sind wir trainiert, auf eine bestimmte Art auf das Leben, die Beziehung zum Leben und unsere Mitlebewesen zu blicken. In anderen Kulturen machen sie es anders. Doch wir könnten auch umlernen. Als Menschheit, davon bin ich überzeugt, haben wir nur eine Chance, wenn wir diesen Perspektivwechsel schaffen, zumindest zu einem gewissen Teil. Das ist geistige Arbeit, die im Kopf passiert und erlernbar ist. Aber auch emotionale Arbeit, sich dem zu öffnen, dem Schmerz, dem Leiden anderer Lebewesen. Eine große Herausforderung!
In der konkreten Vorbereitung des Ungeordneten Aufmarsches gab es verschiedene Schwierigkeiten…
Du meinst die bürokratischen? Das war tatsächlich interessant und ist auch noch nicht zu Ende. Mir wurde gesagt, ich soll die Aktion als „Veranstaltung unter freiem Himmel“ anmelden. Habe ich gemacht. Dann wurde gesagt, wir dürfen nicht auf der Straße laufen, damit würden wir den Verkehr stören usw. Dann hat der Herr vom Kreisverwaltungsreferat netterweise zu mir gesagt, ich solle es als Demo anmelden. Ich hätte ja das Grundrecht zum Demonstrieren und müsse nur begründen, warum es eine politische Aktion sei. Das war nicht schwer. Jetzt habe ich den Aufmarsch als Demo angemeldet, das wurde akzeptiert. Aber damit kamen neue Probleme. Stichwort Vermummungsverbot, du darfst dich bei Demos nicht vermummen. Der zuständige Polizeiwachtmeister war sehr nett am Telefon, eventuell müssen wir im Vorfeld die Personalien klären, inwieweit die Polizei das dann wirklich möchte, weiß ich nicht. Aber ich fände es auch witzig, wenn man sagt, die Figur mit den Pflanztöpfen an Schnüren ist Person XY… [lacht].
Etwas ist mir dabei bewusst geworden: Wenn man auf eine Bürokratie stößt, die einen nicht unterstützen will, dann bist du sofort weg vom Fenster. Mit der AfD zum Beispiel. Die von der AfD wissen genau, wie sie diese Möglichkeiten nutzen. Das könnte uns als Künstler:innnen auf die Füße fallen, dass wir mundtot gemacht werden, weil die Bürokratie auch so funktionieren kann.
Bekommt der Demonstrationszug Polizeischutz?
Also, ich denke mal, dass vorne und hinten jemand ist. Ich muss genau angeben, wann wir wo sind, das ist schon aufregend auch.
Ihr habt euch bereits mehrere Male getroffen, Kostüme anprobiert und Bewegungen ausprobiert. Müssen die Teilnehmenden erst in die jeweilige Holobiontenfigur hineinwachsen?
Ja, ich habe es selbst erlebt. Mit jedem Kostüm, das ich baue, filme ich mich, damit ich sehe, wie es von außen aussieht, sonst weiß ich nicht, was ich überhaupt mache. Es ist wirklich verrückt, du schlüpfst da rein und du bist – anders. Ich habe das früher schon erlebt mit dem Wilden Wesen, diesem wandelnden Heuhaufen [Anmerkung: Das Wilde Wesen ist eine Performancefigur, mit der Judith im öffentlichen Raum unterwegs war.]
Das ist einfach sehr, sehr interessant, diese Verkleidung, was das mit einem macht. Man wird zu einer anderen. Das ist auch magisch.
Enthemmt die Verkleidung? Ruft sie etwas anderes in dir hervor?
Also, ja, … das bisher Drastischste, das ich mit den Holobionten-Kostümen erlebt habe, ist eine Art Kartoffel aus Schaumstoff, ein rundes Teil mit Warzen, aus dem nur Arme und Beine rausschauen. Als ich da drin war, hat es sich bewegt wie ein kleines wütendes Kind. Es hat total Sinn gemacht und war stimmig, dass es sich so bewegt. Ich fühlte mich auf einmal in der Energie von einem kleinen wütenden Kind oder Wesen in einer ganz puren Wutenergie ohne Kompromisse. Die Kartoffel ist raus auf die Straße und hat die Mülltonne gepackt und über die Straße geschliffen – Romy hat mich gefilmt. Die Kartoffel hätte die Tonne am liebsten hingeschmissen, und dann bin ich auf mein Auto los und habe das Auto gekickt. Das ist ein Holobiont, der ist einfach total wütend. Und warum sollte er auch nicht wütend sein. Aber das wusste ich vorher nicht, erst im Kostüm.
Du hast du es nicht schon beim Entwerfen oder Machen gespürt?
Nein, überhaupt nicht, erst als ich drin war.
Und beim Machen, hast du da schon bestimmte Bilder?
Ich zeichne Skizzen, ganz einfache Skizzen, die eine bestimmte formale Idee enthalten. Dann mache ich mich sofort an die Arbeit. Zuerst geht es mir um die Form. Da steckt wahrscheinlich auch schon viel Ausdruck drin, aber ich denke nicht darüber nach, in dem Sinn: ich will jetzt ein wütendes Kostüm gestalten.
Oder der weiße Holobiont aus Maulbeerseide. Wenn Judith Hummel darin tanzt, das berührt mich total, da könnte ich weinen, ich weiß auch nicht warum. Der ist so… auch wie sie darin tanzt, sich wiegt oder am Boden kriecht. Das hat etwas sehr Verletzliches, Filigranes. Es hat sich aus sich selbst heraus entwickelt. Spannend! Aber das ist auch meine Arbeitsweise, ich verlasse mich oft auf den Prozess.
„Recycling, Kunstrecycling.
Das finde ich total gut.“
Was sind deine Materialien, mit denen du bei den Holobionten arbeitest?
Vorwiegend Naturmaterialien, Stroh, Stoff, Heu, für einige Kostüme auch Schaumstoff, aber wenn es heiß wird oder regnet, ist Schaumstoff wenig ideal. Was ich gerade genieße: Ich ziehe meine Bestände aus 20 Jahren, von alten Performances und von alten Aufführungen raus. Wurstkostüme von der „Letzten Häutung“ von vor 20 Jahren, Zeug, das ich nie weggeschmissen habe. Das waren Ganzkörperwurstkostüme, die Inge Vogt genäht hat, erinnerst du dich? Diese Weißwurstdinger. Die verarbeite ich jetzt zu anderen Kostümen. Das finde ich super, Recycling, Kunstrecycling. Oder Westen von „Hundun“, die nun eine tolle Unterkonstruktion sind. Das wird jetzt weiter verwurstet [lacht]. Und vielleicht werde ich irgendwann diese Kostüme wieder ausschlachten und mache was Neues. Wer weiß? Das finde ich total gut.
Machst du dir Gedanken, gerade weil die Aktion kämpferischer ist, dass es aggressiven Gegenwind geben könnte?
Das kann ich nicht voraussehen. Wenn er kommt, dann kommt er. Das ist auch komisch, weil manchmal bei meiner Kunst aggressiver Gegenwind kommt, wo ich es überhaupt nicht erwarte. Von daher kann man sich gar nicht darauf vorbereiten.
Deine Sachen sind meist sehr humorvoll und witzig. Was war das für ein Beispiel, das aggressive Reaktionen hervorrief?
Richtig krass war es bei einem Projekt. Ich bin als Müllhaufen durch die Fußgängerzone und saß mit einem kleinen Kettcar in einem Kartonhaufen. Man sah nur diesen Müllhaufen, drinnen hatte ich eine Flasche mit Schleim, den ich ein bisschen auf die Straße gesprotzt habe, und auf einer Mandoline habe ich ein bisschen geklimpert. Es war halt ein komischer Haufen, der sich durch die Straße bewegte.
Und das hat mehrere Leute richtig geärgert. Ein Geschäftsmann – jemand, der dabei war, hat es gefilmt – ein älterer Herr mit Krawatte und Anzug, der ist total ausgerastet und schlug auf diesen Haufen ein und trat dagegen. Der hat so eine Aggression entwickelt! Erschreckend!
Und du warst drinnen?
Ich war drin! Auch eine junge Frau, die voll dagegen haute mit dem Fuß. Oder letztes Jahr bin ich gejagt worden, als ich das Wilde Wesen war. Da haben mich Kinder und mehrere Familien regelrecht gehetzt; das kann ganz krasse Sachen auslösen bei Menschen.
Meine Lehre ist, immer eine zweite Person zum Schutz dabei zu haben, sonst bist du dieser Aggression ausgeliefert.
Meinst du, das hat auch damit zu tun, dass du dein Gesicht unsichtbar machst und als menschliches Gegenüber nicht mehr kenntlich bist?
Ja, da schließt sich der Kreis zum Holobiontischen. Gerade weil ich letztes Jahr diese krasse einschneidende Erfahrung gemacht habe damit, als Wildes Wesen kein Gesicht mehr zu haben und mehr Tier oder Pflanze war… natürlich wussten die Leute, dass ein Mensch in der Figur steckt, aber dadurch, dass ich nicht mehr als Mensch erkennbar und etwas Fremdes war, hat das in denen den Jagdinstinkt, eine ganz krasse Aggression rausgekitzelt. Sie hatten es selber nicht mehr unter Kontrolle. Das war für mich erschreckend, weil ich in dem Kostüm… – was ich vorher schon sagte: Wenn man im Kostüm ist, ist man nicht mehr man selbst, sondern auf einmal auch diese Figur. Ich konnte nicht sprechen und bin nur ins Unterholz gerannt. Die liefen mir nach und haben nicht aufgehört, mich zu jagen. Wie eine Treibjagd. Ich hatte das Gefühl, ich bin wie ein Tier, das gejagt wird.
Es hat gezeigt, wie dünn der Firnis der Zivilisation ist. Diejenigen, die irgendwie fremd sind oder Tiere und andere Wesen, oder auch Menschen mit anderer Hautfarbe, werden als Fremdes gesehen. Das löst Instinkte aus, die richtig tödlich sein können. Eine krasse bedrohliche Erfahrung.
Was reizt dich daran, da wieder reinzugehen und dich zu verwandeln?
Mich reizt der Perspektivwechsel. Andere Dinge zu empfinden, eine andere Perspektive einzunehmen, genau solche Erfahrungen zu machen. Die war nicht schön, keine Frage, aber das ist nicht der Punkt. Sondern es ist eine sehr aufschlussreiche Erfahrung, die ziemlich tief ging und wichtig war. Das bringt einen ja auch wieder weiter. So lange man nichts Schlimmeres erlebt ist es ein Experimentierfeld.
Ist es dir wichtig, dass etwas bleibt? Du hast vorher schon gesagt, du machst Skizzen von den Sachen, es wird auch gefilmt. Hast du vor, die Holobionten noch in einer anderen Form auszustellen?
Es wäre schön, wenn das ginge. Im Moment liegt der Fokus auf dem Umzug und dass man ihn gut dokumentiert, weil dadurch die Idee sich auch weiterverbreitet über den Umzug hinaus. Und vielleicht bringe ich damit noch weitere Leute dazu, Mitglieder bei UHPA zu werden. Ich werbe ja nicht nur für die künstlerische Idee, sondern auch für die gemeinschaftliche Idee.

Wenn jemand Mitglied werden will bei UHPA, was müsste man tun?
Wer aktives Mitglied sein will beim Umzug, kann einfach mitlaufen, entweder sich ein eigenes Kostüm basteln oder ohne Kostüm. Es ist jeder willkommen, mitzumachen, auf jeden Fall. Man wird damit automatisch Mitglied der UHPA. Mal sehen, ob sich dann noch etwas weiterentwickelt.
Aber so ist es mit Ideen. Ich kann versuchen, der Idee Schwung zu geben, damit sie Fahrt aufnimmt, aber es hat auch viel mit dem Kollektiv zu tun und ob andere Menschen sich anstecken lassen. Sei es, dass andere das Projekt einladen, oder ob wir gemeinsam sagen, nächstes Jahr machen wir wieder einen Umzug mit noch mehr Leuten. Das fände ich toll, wenn es sich weiterentwickelt oder sogar ein bisschen ablöst von meiner Person, eine eigenständige Bewegung wird – das wäre jetzt mal groß geträumt.
Letzte Frage: Gibt es noch irgendetwas, das du loswerden möchtest?
Holobionten aller Länder vereinigt euch! [lacht]
Heute hat es geregnet, ich war panisch – ich meine, der ganze Prozess ist schon total schön, die Dinge, die bereits entstanden sind und all die Menschen, die Lust haben mitzumachen, das ist fantastisch und macht mich glücklich. Also sage ich mir: Selbst wenn es am 25. Juli den ganzen Tag schüttet wie heute und die Kostüme zerfallen – das sind meine Horrorszenarien – hat es sich schon gelohnt. Wir haben nur das eine Zeitfenster ohne Ersatztermin. Wenn es schüttet, dann müssen wir mit dem arbeiten, was geht; eine Herausforderung. … ja, mal schauen, was das Universum mit mir vor hat. Wir werden es irgendwann wissen [lacht].
Weitere Informationen zu Judith Egger und ihren Projekten: www.judithegger.de/
UHPA auf Instagram: instagram.com/uhpa_universal/
Der „Große ungeordnete Aufmarsch der Holobionten“ ist eines der diesjährigen Projekte von „Public Art München“ und startet am 25. Juli 2026 um 11 Uhr in München auf der Wiese hinter dem Vater-Rhein-Brunnen, gegenüber vom Deutschen Museum. Von dort geht es zur Praterinsel, in die Maximilianstraße, zur Wittelsbacher Wiese hinter dem Marstalltheater, zum Finanzgarten – dort wird Pause gemacht. Weiter über den Odeonsplatz, Brienner Straße, Maximilianplatz, dort holobiontisches Picknick, Endkundgebung, Ausklang.